Luzerner.ch / Samstag, 15. August 2026 / Categories: Luzern, Photo, Video, 2026

Willkommen in der Musikweltstadt Luzern

Die ersten Klänge des Lucerne Festival Orchestra schweben über den Vierwaldstättersee, während sich auf dem Inseli Hunderte Musikbegeisterte auf Picknickdecken und Campingstühlen niederlassen. Für einen Abend wird Luzern zur Musikweltstadt.

Willkommen in der Musikweltstadt Luzern

Ein Rundgang zu fünf Konzerten an einem Abend

 

Die Schwäne gleiten über den Vierwaldstättersee, als würden sie ganz ohne Musik zu Tschaikowskys «Schwanensee» tanzen. Vom Quai aus sind bereits die ersten Klänge des Eröffnungskonzerts zu hören. Sie tragen über das Wasser und kündigen einen Abend an, an dem Luzern einmal mehr zur Musikweltstadt wird.
Im KKL Luzern eröffnet das weltbekannte Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Riccardo Chailly das Lucerne Festival. Als Solist wirkt der Pianist Frank Dupree mit. Ebenfalls beteiligt sind Solistinnen und Solisten des Lucerne Festival Orchestra sowie des Lucerne Festival Contemporary Orchestra, kurz LFCO.

Ein Konzert des Sehens und Gesehenwerdens

Vor dem KKL öffnet sich der Blick über den See und die Stadt Luzern. Doch auch unmittelbar vor dem Kultur- und Kongresszentrum gibt es einiges zu beobachten.
Es ist ein kleines Konzert des Sehens und Gesehenwerdens. Die meisten Gäste befinden sich bereits im Saal. Einzelne Besucherinnen und Besucher eilen noch über den Europaplatz. Hier wird eine Krawatte kontrolliert, dort ein Kleid zurechtgerückt. Sitzt alles richtig, bevor sich die Türen schliessen?
Musik verbindet an diesem Abend nicht nur die Menschen im Konzertsaal. Sie macht auch besondere Begegnungen und kleine, oft unbeachtete Momente sichtbar.
Der Rundgang führt weiter, vorbei an der neu eröffneten Seebar Kitchen & Wine im KKL Luzern, in Richtung Inseli. Dort befindet sich die Musik-Allmend des Lucerne Festival.

 


 

 

 

Ein Wimmelbild auf dem Inseli

Auf dem Inseli zeigt sich ein ganz anderes Bild als im Konzertsaal. Vom grünen Rasen ist kaum mehr etwas zu sehen. Stattdessen breitet sich ein lebendiges Wimmelbild aus Menschen, Picknickdecken, Campingstühlen und mitgebrachten Sitzgelegenheiten aus.
Einige Besucherinnen und Besucher sitzen direkt im Gras. Andere haben sich mit Klappstühlen, Kissen und Decken eingerichtet. Familien, Freundeskreise und Musikbegeisterte suchen sich ihren Platz mit Blick auf die Leinwand.
Während im grossen Saal die nummerierten Plätze bezogen werden, gilt auf dem Inseli: Wer früh kommt, findet den besten Platz.
 

Luzerner Gastfreundschaft und ein Festival-Schal

Kurz vor dem ersten Stück spaziert eine Dame über den Platz. Sie trägt einen Lucerne-Festival-Schal und ist damit für diesen Abend stilgerecht ausgerüstet.
«Natürlich komme ich mit dem Schal und lasse mir das Eröffnungskonzert nicht entgehen», erzählt sie.
Während der kommenden drei Wochen beherbergt sie ein Mitglied des Konzertensembles bei sich zu Hause. Dadurch könne sie ihre Stube und den Fernseher zeitweise nicht benutzen, sagt sie. Das sei aber nicht so schlimm.
Diese kurze Begegnung erzählt viel über die Beziehung zwischen Luzern und seinem Festival. Musikerinnen und Musiker reisen aus aller Welt an. Manche von ihnen finden nicht nur eine Unterkunft, sondern werden vorübergehend Teil eines Luzerner Haushalts.
So zeigt sich die Musikweltstadt auch von ihrer persönlichen Seite: offen, herzlich und gastfreundlich.


Die ersten Töne erklingen

Im grossen Konzertsaal sollten inzwischen alle Gäste ihre nummerierten Plätze eingenommen haben. Die Gespräche verstummen, und im Saal kehrt langsam Ruhe ein. Das Orchester stimmt sich ein.
Dann beginnen die ersten Töne von Steve Reichs «New York Counterpoint» in der Fassung für elf Klarinetten.
Stiftungsratspräsident Markus Hongler und Intendant Sebastian Nordmann begrüssen das Publikum. Ihre Worte richten sich nicht nur an die Gäste im Konzertsaal, sondern auch an die vielen Menschen auf dem Inseli, die den Beginn des Festivals unter freiem Himmel verfolgen.


Anschliessend spricht Bundespräsident Guy Parmelin zur Eröffnung des Lucerne Festival 2026.

 

 

Ansprache von Bundespräsident Guy Parmelin

Nachfolgend die Ansprache zur Eröffnung des Lucerne Festival 2026 im Wortlaut.

Sehr geehrter Herr Stiftungsratspräsident Markus Hongler, sehr geehrter Herr Intendant Dr. Sebastian Nordmann, geschätzte Gäste, liebe Freundinnen und Freunde der klassischen Musik, Mesdames et Messieurs, en vos fonctions et qualités.

Für meine Frau und mich ist es jedes Mal eine grosse Freude, an der Eröffnung des Lucerne Festival teilzunehmen. Herzlichen Dank für die Einladung.

Luzern, dieser besondere Ort am See, die Berge im Hintergrund und dazu Musik auf höchstem Niveau. Man könnte fast sagen, es sei ein Traum. Und damit sind wir bereits beim Motto des diesjährigen Festivals: «American Dreams».

Ein Motto, das zum 250-Jahr-Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung besonders gut passt. Einen Moment lang dachte ich, der Titel sei extra für mich gewählt worden.

In diesem Fall, meine Damen und Herren, hätte man heute Abend wohl eher einen Walzer von Johann Strauss spielen müssen. Das hätte den pirouettenreichen Weg zwischen Bern und Washington musikalisch besser wiedergegeben: einen Schritt vorwärts, einen zur Seite und gelegentlich dreht man sich im Kreis.

Aber zurück zum amerikanischen Traum. Bekannt gemacht wurde der Ausdruck «American Dream» 1931 vom amerikanischen Historiker James Truslow Adams. Er meinte damit aber nicht den Traum vom grossen Geld, den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär.

Solche Karrieren, wie sie zum Beispiel der Schauspieler und Politiker Arnold Schwarzenegger verkörpert, oder jene von all den Menschen, die in den 1930er-Jahren vor Pogromen, Diskriminierung und Armut in Europa nach Ellis Island flohen. Darunter auch eine gewisse Familie Gershwin.

James Adams ging es nicht um diese spektakulären Karrieren.

Ihm ging es um etwas Grösseres. Um eine Gesellschaft, in der das Leben für alle besser sein sollte. Eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne seine Fähigkeiten entfalten kann, unabhängig von Herkunft oder sozialer Stellung.

Dieser Gedanke reicht weit über Amerika hinaus. Jede Person, jedes Land ...

Da wir heute Abend alle ein wenig Stars-and-Stripes-Fans sind, möchte ich dieses grossartige Land, die Vereinigten Staaten, kurz würdigen.

250 Jahre USA. Das bedeutet individuelle, kulturelle und politische Abenteuer. Amerikas Geschichte ist geprägt von Eroberungen und Zerrissenheit, von grossen Würfen und Widersprüchen, von rasanten Fortschritten und von noch immer nicht eingelösten Versprechen.

Amerika trägt in sich die Bibel und die Aufklärung, die Stimmen der indigenen Völker und jene der Eingewanderten, die Lieder der Sklaven, die Klänge der Kirchen, die Militärmärsche, den Lärm der Fabriken und den Jazz.

Selbstbewusst, offen und mit Vertrauen in unsere eigenen Stärken.

Und ich wünsche dem Lucerne Festival 2026, dass es uns in den kommenden Wochen genau das schenkt, was grosse Musik immer wieder vermag:

unsere Ohren zu öffnen, unseren Horizont zu erweitern und uns für einen Moment alle gemeinsam träumen zu lassen.

Now, let's dream together.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

  

 

Applaus im Saal und auf dem Inseli

Die Worte des Bundespräsidenten lösen im grossen Saal des KKL Applaus aus. Doch nicht nur dort wird geklatscht. Auch auf dem Inseli reagieren die Besucherinnen und Besucher auf seine Ansprache.
Für einen kurzen Moment sind Konzertsaal und Musik-Allmend miteinander verbunden. Die einen sitzen auf nummerierten Stühlen unter dem Dach des KKL, die anderen auf Decken und Campingstühlen unter freiem Himmel.
Alle hören dieselben Worte. Alle warten auf dieselbe Musik.
Dann übernimmt das Orchester wieder die Hauptrolle.


Mit Gershwin in den Sonnenuntergang

Als George Gershwins «Concerto in F» für Klavier und Orchester erklingt, bewegt sich draussen auf dem See ein weiteres Wahrzeichen Luzerns ins Bild.
Das Dampfschiff Stadt Luzern legt zu seiner Sonnenuntergangsfahrt in Richtung Seetrichter ab. Langsam zieht es am Inseli vorbei. Für einen Augenblick wirkt es, als gehöre auch das Schiff zur Inszenierung des Festivalabends.

Die Musik erklingt, die Schaufelräder bewegen das Wasser, und über den Bergen verändert sich das Licht.
Später steht Gershwins «Cuban Overture» auf dem Programm. Die lebhaften Rhythmen passen zur sommerlichen Stimmung auf dem Inseli. Auf der Leinwand sind das Orchester, der Pianist und die weiteren Mitwirkenden zu sehen. Gleich daneben spielt sich ein zweites, nicht geplantes Schauspiel ab: die Abendstimmung über dem Vierwaldstättersee.
Die Natur liefert ihre eigenen Bilder zur Musik.

 

Kein freier Platz mehr auf dem Rasen

Inzwischen ist beinahe jeder Zentimeter Rasen besetzt. Musikbegeisterte Luzernerinnen und Luzerner sitzen dicht nebeneinander. Manche verfolgen aufmerksam das Konzert, andere lassen den Blick zwischen Grossleinwand, See und Bergen schweifen.
Kinder bewegen sich zwischen den Decken, Freunde stossen miteinander an, und gelegentlich fährt ein Schiff durch das Bild.
Hier braucht es keine Abendgarderobe und keinen nummerierten Sitzplatz. Wer keinen Stuhl mitgebracht hat, setzt sich einfach ins Gras.

Gerade dieser Gegensatz macht den Abend besonders. Im KKL wird auf höchstem internationalem Niveau musiziert. Nur wenige Schritte entfernt erleben Hunderte Menschen dieselbe Musik in ungezwungener Atmosphäre.
Das Festival öffnet sich zur Stadt.

Die Musik zieht weiter durch Luzern

Mit dem Ende der Übertragung ist der musikalische Rundgang noch nicht vorbei.
Wer poppigere Klänge bevorzugt, kann auf die MS Switzerland umsteigen. Eine weitere Möglichkeit bietet der Musikpavillon am Quai. Dort lässt sich der Musikabend mit Blick auf den See, die Berge und das Panorama der Stadt ausklingen.
So entstehen an einem einzigen Abend mehrere musikalische Welten: im Konzertsaal, auf dem Inseli, am Quai und auf dem Wasser.
Jeder Ort klingt anders. Gemeinsam verwandeln sie Luzern in eine grosse Bühne.


Für einen Abend Musikweltstadt

Langsam zieht die Dämmerung über den Vierwaldstättersee. Im KKL spielt das Orchester, auf dem Inseli sitzen die Menschen noch immer dicht nebeneinander, und auf dem Wasser ziehen die Schiffe in den Abend hinaus.
Die Musik bleibt nicht hinter den Mauern des Konzertsaals. Sie trägt über den See, erreicht die Menschen auf dem Rasen und begleitet jene, die am Quai entlangspazieren.
An diesem Abend verschmelzen Musik, Landschaft, Gastfreundschaft und Stadtleben zu einem gemeinsamen Erlebnis.
Luzern ist nicht nur die Gastgeberin eines weltbekannten Festivals.
Für diesen Abend ist Luzern Musikweltstadt.
 

 

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